Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 103.

(V. 1-5.)

(1) Ein Psalm Davids. Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen; (2) Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, (3) Der dir alle deine Sünden vergibt, und heilt alle deine Gebrechen, (4) Der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit, (5) Der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst, wie ein Adler.

Es sind alte liebe Bekannte, die uns in diesem Psalm begegnen. Trost- und Kraftsprüche, Gold- und Kernsprüche, die wir in unserer Kindheit schon gelernt, die wir unzählige mal inzwischen gehört, die in Trauerstunden und Freudentagen, an Brautaltären und Krankenbetten an viel tausend Herzen ihre Gotteskraft schon erwiesen haben. Und was macht denn diesen Psalm zu einem Lieblingspsalm in der Gemeinde? Worin besteht denn die eigentümliche Schönheit, die herzgewinnende Lieblichkeit dieses Psalms? Darin, meine Lieben, es weht etwas von der süßen Lebensluft des neuen Testaments, von dem milden Friedenshauch des Evangeliums durch diesen Psalm, wie ein süßes, mildes Frühlingslüftlein durch einen schönen Garten weht. Ja, meine Lieben, wie oft noch mitten im Winter Tage des Vorfrühlings sich einstellen, wo der Himmel so tief dunkelblau glänzt, wo die Sonne so warm und kräftig scheint, wo die Luft so mild und weich uns umsäuselt, dass jede Eisrinde springt, dass alle Schneereste vollends zerfließen, dass nicht nur die erwärmte Erde aufgeht, sondern auch das Menschenherz aufgeht, dass man meint, man sei schon in den Mai versetzt und dürfe Veilchen- und Rosendüfte riechen, so finden wir auch im alten Testament, mitten unter dem strengen Winterregiment des Gesetzes, mitten in der trüben Zeit des Wartens solche Vorfrühlingstage, in denen schon der Gnadenfrühling des neuen Testaments sich ankündigt; solche sonnenhelle Stellen, die schon von der Sonne des Evangeliums beschienen sind; solche liebliche Sprüche und Kapitel, von denen man sagen möchte: Hier ist das neue Testament schon mitten im alten. Derartige Stellen sind zum Beispiel beim Propheten Jesaias das 53. und 54. Kapitel, wo das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, wo die Barmherzigkeit Gottes, der die Seinen wohl einen kleinen Augenblick scheinbar verlassen kann, aber mit großer Gnade sie wieder sammeln will, so herrlich und tröstlich uns vor Augen gemalt wird. Zu dieser Art von Stellen gehört auch unser Psalm mit seinem wunderschönen Lob göttlicher Gnade und Erbarmung. Und nun, meine Lieben, wenn schon ein Vater des alten Bundes, wenn schon ein David in einer seligen Gnadenstunde sich erheben durfte zu solch süßer Gewissheit göttlicher Barmherzigkeit, zu solch fröhlichem Lob göttlicher Gnade: sollten nicht wir, die Kinder des neuen Bundes, die wir des Herrn Klarheit schauen mit aufgedecktem Angesicht, aus vollem Herzen und fröhlichem Mund einstimmen in diesen schönen Lob- und Preisgesang? Sollte nicht auch uns bei Betrachtung dieses Psalms mitten in dieser düstern Winterzeit, mitten in dieser dunkeln Abendstunde, mitten auch in allerlei Bedrängnissen und Bekümmernissen frühlingshell zu Mute werden, als ob der blaue Himmel sich über uns wölbte, als ob die goldene Sonne uns umstrahlte, weil wir's fühlen:

Die Sonne, die mir lacht, ist mein Herr Jesus Christ,
Das was mich singen machet, ist was im Himmel ist!

Ja, auch in unsern Seelen soll es widerhallen, dieses „Lobe den Herrn!“ das durch unsern Psalm hinklingt:

  1. Lobe den Herrn, meine Seele! V. 1-5.
  2. Lobe den Herrn, seine Gemeinde! V. 6-18.
  3. Lobe den Herrn, alle Welt! B. 19-22.

1) Lobe den Herrn, meine Seele!

So ruft David sich selber zu, V. 1-5. Und schon bei diesen fünf Versen gibt's soviel zu denken, zu lernen auch für unsere Seelen, dass wir heute bei diesem ersten Teil des Psalms werden stehen bleiben müssen; wir vernehmen da zuerst einen Aufruf zum Lobe Gottes, V. 1 und 2.

V. 1: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen.“ Es tut not, Geliebte, dass wir uns zu diesem Lobe Gottes immer wieder selber ermuntern und uns ein kräftiges Lobe den Herrn zurufen; denn wir alle wissen aus Erfahrung, wie träg unser Herz oft ist zum Lobe des Herrn und zur Anerkennung der göttlichen Wohltaten; und wie unser Mund oft viel schneller ist zum Klagen als zum Loben, viel williger zum Bitten als zum Danken. Darum wollen auch wir's uns gern gesagt sein lassen und gern selber sagen: Lobe den Herrn, meine Seele! Wohlgemerkt, nicht nur der Mund soll ihn loben, nicht nur die Lippen sollen einstimmen, sondern aus dem Herzen soll es kommen, die Seele soll dabei sein, der ganze Mensch soll einstimmen in dieses Lob des Herrn: Alles, was in mir ist, lobe seinen heiligen Namen! Alle Seelenkräfte sollen wie eine vollstimmige Harfe zusammenklingen zum Preise der göttlichen Gnadenwohltaten: Der Verstand soll sie erkennen; das Herz soll sie fühlen; der Wille soll sich dadurch anfeuern lassen. Gedächtnis, Begierden und Affekte, ja alle Nerven, Äderlein und Blutstropfen, wie ein alter Ausleger sagt, sollen sich als wie die Rädlein eines Uhrwerks zum Lobe Gottes regen und bewegen, wie's auch in einem unserer Lieder heißt:

Wär jeder Puls mein Lebenlang
Und jeder Odem ein Gesang!

Aber wie mach ich's denn, dass ich mein Herz zu solchem Lobe Gottes ermuntere? Darauf gibt die Antwort unser

V. 2: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Vergiss es nicht! Darin liegt's! Danken kommt von denken. Würden wir fleißiger denken an all das Gute, das Gott an uns getan, dann würden wir ihm auch feuriger dafür danken. Aber das Menschenherz ist so gar vergesslich, vergesslich zwar nicht für das Gute, das es selber getan, aber für das Gute, das es empfangen hat; vergesslich zwar nicht für Beleidigungen, die ihm widerfahren, aber für Wohltaten, die es genossen! Und doch sollte es umgekehrt sein; doch sollte schon unter Menschen die Regel gelten: Beleidigungen schreibe in den Sand, aber Wohltaten grabe in Marmor ein. Und nun vollends Gott, unserem größten Wohltäter gegenüber, von dem wir so unzählig viel Gutes, von dem wir nichts als Gutes empfangen, wäre es da nicht doppelte Menschenpflicht, Christenpflicht, Kindespflicht: Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Vergiss nicht gleich seine Hilfe wieder, wenn die Not vorüber ist! Vergiss nicht das Gute, was er dir an Leib und Seele tut, weil er's täglich tut, weil du's stündlich empfängst, weil es dir etwas Alltägliches wird, sondern denk auch manchmal daran: Wie wär's, wenn ich das nicht hätte, nicht meinen gesunden Leib, nicht mein täglich Brot, nicht meine lieben Angehörigen, nicht meinen gesunden Verstand, nicht meine liebe Bibel, nicht meine liebe Kirche, nicht meinen lieben Heiland! Vergiss es nicht, auch unter mancherlei Entbehrungen und Bekümmernissen, wieviel Gutes du noch hast, wieviel schlimmer es noch sein könnte, wieviel besser du noch dran bist als Tausende. Denke manchmal an das alles, nicht nur wenn dir ein großes außerordentliches Glück widerfahren, nicht nur an einem Dankfest, an einem Jahresabend, an einem Geburtstag, nein jeden Morgen und jeden Abend denke daran, was der Allmächtige kann, - und was der Allgütige getan, der dir mit Liebe begegnet! Und damit nun keines frage: Ja, was hat er denn mir besonders Großes getan? so höre nun, wie David die göttlichen Gnadenwohltaten aufzählt, V. 3-5.

V. 3: „Der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen.“ Sieh, mit den geistlichen Wohltaten fängt der fromme Sänger an. Die sind ja die größten. Der Übel größtes ist die Schuld, und kein äußeres Glück kann uns froh machen, solang wir den Zentnerstein eines bösen Gewissens in unserer Brust herumtragen. Das hat David selber bitterlich erfahren, als er, der große und mächtige König, mitten in seinem Glück, mitten in seinem herrlichen Palast doch als ein zerknirschter Sünder vor Gott im Staube lag und seufzte im 51. Psalm: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.“ Aber die höchste Wonne für ein Menschenherz ist auch die Erfahrung der göttlichen Gnade und Erbarmung, wenn der Friede Gottes wie ein kühler, milder Balsam das wunde Herz überströmt; wenn durch alle Höhen und Tiefen der Seele die Himmelsstimme ertönt: Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben! - dieses Glück hat ein David erfahren, als er ausrief: Lobe den Herrn, meine Seele, der dir alle deine Sünde vergibt; und eine Magdalena, da der Herr mit seiner milden Heilandshand sie aufrichtete in ihren Tränen; und ein Schächer am Kreuz, da er das Verheißungswort vernahm: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein; und ein Apostel Paulus, da er an Timotheus schrieb: Es ist je gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort, dass Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der Vornehmste bin. Dieses Glück - o gewiss auch manche Seele hier schon hat es erfahren: am Abendmahlstisch, oder nach einem heißen Bußgebet im Kämmerlein, oder nach einer kräftigen evangelischen Predigt ist dir's da nicht auch schon gewesen, als ob die milde Stimme deines Heilands in dein Herz hineinriefe: Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben?

Hast's da nicht auch du zu dir selber gesagt in süßen Freudentränen: Lobe den Herrn, meine Seele, der dir alle deine Sünde vergibt?

„Und heilt alle deine Gebrechen!“ Sieh, das ist noch mehr. Nicht nur die alten Sünden will er vergeben, auch vor neuen will er uns bewahren. Nicht nur rechtfertigen will er uns durch seine Gnade, sondern auch heiligen. Nicht nur von den einzelnen Sünden, die wir begangen, will er uns waschen durch seine sündenvergebende Gnade und durch das Versöhnungsblut unseres Heilands, sondern auch von der Sünde, die uns immerdar anklebt, will er uns heilen durch die Lebenskräfte seines heiligen Geistes. Von unsern natürlichen Schwachheiten, von unsern sündlichen Neigungen, von unsern Seelengebrechen, von unserer Blindheit gegen das Licht der Wahrheit, von unserer Taubheit gegen das göttliche Wort, von unserer Lahmheit zum Guten, von dem Aussah so mancher unreinen Lüste, von allen diesen Gebrechen, die jedes unter uns oft schmerzlich fühlen muss, das eine da, das andere dort, das eine so, das andere anders, von dem allem will er uns je mehr und mehr heilen durch die himmlischen Heilkräfte seines Worts und seines Geistes, und solche Leute aus uns machen, die in seinen Wegen wandeln und seine Gebote halten und darnach tun. Wenn das größte Wohlgefühl des Leibes das der Genesung ist, ist das nicht auch ein Wohlgefühl, eine Wonne, meine Lieben, wenn man so spüren darf, wie man mit Gottes Hilfe allmählich immer mehr heil wird von seinen Gebrechen, immer mehr fest wird in der Gnade, immer mehr stark wird im Guten? Gilt's da nicht auch ein recht herzliches: Lobe den Herrn, meine Seele, der da heilt alle deine Gebrechen schon hienieden von Tag zu Tag und einst völlig droben, wenn du erwachen. wirst nach seinem Bild. Denn er ist's auch weiter:

V. 4: „Der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit.“ Mit der Sünde nimmt er auch die Strafe der Sünde von uns. Der Tod ist der Sünden Sold und Sünde ist der Leute Verderben. Darum wie der Herr in seiner Gnade die Sünde vergibt und wegnimmt, so erlöst er uns auch vom Verderben, leiblich und geistlich, zeitlich und ewig. „Der dein Leben vom Verderben erlöst!“ wie mannigfach hat das der treue Gott auch an uns allen schon erfüllt! Schon im Leiblichen erfüllt! Wie manches unter uns hat er aus schweren Nöten errettet, vom Rande des Grabes zurückgeführt und bis hierher gnädig erhalten zur Stütze der Unsern, zur Vorbereitung auf eine selige Ewigkeit! Und wie hat er uns erlöst vom geistlichen Verderben! Von welchen Irrwegen der Sünde hat er uns zurückgeführt! Von welchen Abgründen des Verderbens hat er uns hinweggerissen! Was wäre jetzt schon aus uns allen geworden, was würde aus uns allen noch werden in der furchtbaren Ewigkeit ohne seine Gnade, die uns vom Verderben erlöst! Muss da nicht abermals jedes zu sich selber sagen: Lobe den Herrn, meine Seele! und dem Herrn danken:

Du Herr bist mir nachgelaufen, mich zu reißen aus der Glut,
Denn da mit der Sünder Haufen ich nur suchte irdisch Gut,
Hießest du auf das mich achten, wonach man zuerst soll trachten;
Tausend, tausendmal sei dir, großer König, Dank dafür!

Der dein Leben vom Verderben erlöst,

„Der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit.“ Sieh da seine Güte und Erbarmung erst in ihrer ganzen Tiefe und in ihrer ganzen Höhe! Nicht genug, dass er uns die Strafen erlässt, die wir verdient hätten, und uns vom Verderben errettet, dem wir von Rechtswegen verfallen wären; nein, er will uns auch krönen zu Gottes Kindern, zu Himmelserben uns krönen, mit Gnade uns überhäufen, mit Licht und Herrlichkeit uns schmücken. Willst du in einem Bild und Gleichnis schauen, liebe Seele, was das heißt: „Der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit“ denk an den verlornen Sohn und was an ihm der gütige Vater getan! Nicht nur dass er ihn vom Verderben erlöst, dass er ihn aus seinem tiefen Elend herausreißt und ihn vom Hungertod errettet, indem er ihn zu einem seiner Taglöhner macht. Nein er lief ihm entgegen und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn. Und sprach zu seinen Knechten: Bringt das beste Kleid hervor und tut ihn an und gebt ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße. Und bringt ein gemästetes Kalb und schlachtet es; lasst uns essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden. Seht, Geliebte, so will Gott die reuige Sünderseele krönen mit Gnade und Barmherzigkeit. So will er sie neukleiden in die weiße Seide der Gerechtigkeit Jesu Christi, die er ihr schenkt und darreicht, unsere Sündenblöße damit zu decken. So will er ihr an den Finger stecken den goldenen Reif seiner Liebe, womit er sie zu seinem Kind erklärt und sich mit ihr verlobt für Zeit und Ewigkeit. So will er ihr neue Schuhe an die Füße geben und sie mit Kraft ausrüsten zum getrosten Pilgerlauf der Erde, dass sie sich nicht beflecke mit dem Schmutz der Sünde, dass sie sich nicht stoße an den Dornen der Trübsal und an den Steinen des Anstoßes. Ja, er will ihr auch aufs Haupt geben droben die Krone des ewigen Lebens und sie sitzen lassen an seinem himmlischen Freudentisch und sie vor Engeln und Menschen zu seinem Kind und Erben erklären. - Wenn du das bedenkst, liebe Seele, und bedenkst, das alles kann und soll auch dir widerfahren; auch dich will dein treuer Gott hienieden schon krönen mit Gnade und Barmherzigkeit; auch dir will er dort beilegen die Krone des ewigen Lebens aus lauter Gnade - o dann musst ja auch du anbetend in den Staub sinken und jauchzen: Liebe, wie vergelt ich dir, was du Guts getan an mir! Da erfüllt sich denn auch das Letzte, was du zu rühmen hast vom Herrn:

V. 5: „Der deinen Mund fröhlich macht oder mit Gütern sättigt und du wieder jung wirst wie ein Adler.“ Ja seinen Kindern, denen er die Sünde vergeben, die er von Gebrechen geheilt, die er vom Verderben erlöst, die er mit Gnade gekrönt, denen macht der treue Gott auch den Mund fröhlich. Er macht ihn fröhlich, indem er sie sättigt und täglich erquickt mit den Gnadengaben seines Reichs, mit dem Lebensbrot seines göttlichen Worts, mit dem Freudenwein seines heiligen Geistes. Er macht ihren Mund fröhlich, indem sie ihren Mund auftun zu fröhlichem Bekenntnis seines Namens, zu herzlichem Preise seiner Gnade, darin sie getrost fortfahren auch unter den Leiden dieser Zeit, auch unter den Lasten des Lebens, auch unter den Beschwerden des Alters. Denn ob auch der äußere Mensch verwest und dem Grabe zureist, der innere wird von Tag zu Tag verneuert. Das ist eben die Kraft seiner Gnade, dass du unter ihrem Segen innerlich alle Tage wieder jung wirst wie ein Adler. Wie dem Adler alljährlich die ausgegangenen Schwungfedern wieder nachschießen, dass er mit erneuter Kraft sich aufschwingt himmelan und sonnenwärts, so weiß der Herr die Seinen auch immer wieder im Geiste zu erneuen und zu verjüngen! Und wenn auch die leibliche Jugend verblüht, wenn auch die Wangen welk und die Haare grau werden - es gibt eine innere Herzensjugend, der die Jahre nichts anhaben können, in der auch ein Simeon und eine Hanna noch fröhlich glüht und blüht. Und wenn man auch für die äußeren Lebensfreuden mit den Jahren allmählich den Geschmack verliert: es gibt Seelenfreuden, deren man nie satt wird, die auch im Alter, die auch am Rande des Grabes noch ihre Kraft behalten, ja immer mehr zeigen, weil sie ein Vorschmack sind der ewigen Himmelsfreuden. Das sind die Freuden in dem Herrn, die Freuden an Gottes Wort und dem Gebet, die Freuden christlicher Freundschaft und Gemeinschaft, die Freuden des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung. Gewiss, es ist auch unter uns manche Seele, die diese Freuden kennt, die es auch bei alterndem Leib immer seliger erfahren darf: Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Der Herr lasse es uns alle je mehr und mehr erfahren, damit wir ihn allesamt immer fröhlicher loben mit Herzen, Mund und Händen, bis wir ihm einst besser lobsingen droben in himmlischen Chören. Ja, lobe den Herrn, meine Seele!

Lobe den Herren und seinen hochheiligen Namen!
Lob ihn was in mir ist, mit dem erkorenen Samen!
Er ist dein Licht: Seele, vergiss es ja nicht!
Lob ihn in Ewigkeit! Amen.